1. Willkommen auf POLITIK-FORUM.CH - der grössten interaktiven Politik-Plattform der Schweiz

    Über 3`600 registrierte Mitglieder, 6`800 Themen und 320`000 Beiträge!

    Folgen Sie uns auf Google+ / Twitter / Facebook
  2. Zutreffendes Statement von Benutzer Tapir mit 1800 Beiträgen an ein neues Mitglied:

    "Wenn du tatsächlich fundierte Kritik übst, dann hat wohl niemand etwas dagegen. Grundsätzlich üben wir hier eine Art "Selbstmoderation"
    Dieses Forum funktioniert, weil die User die Grenzen des Anstands kennen und (meist) wahren.
    Von Zeit zu Zeit geraten sich die User indes persönlich etwas in die Haare; sei davon nicht irritiert - man kennt und neckt sich hier teilweise schon ein Jahrzehnt."

SEINE MAJESTÄT DER PERSONALCHEF

Dieses Thema im Forum "Allgemeines Forum" wurde erstellt von Beat, 7. 02. 2016.

SEINE MAJESTÄT DER PERSONALCHEF 4.6 5 5votes
4.6/5, 5 Bewertungen

  1. Beat

    Beat Parteilos

    Top Benutzer
    Registriert seit:
    13. 10. 2005
    Beiträge:
    5.942
    Zustimmungen:
    203
    Ort:
    34°11'51.58S, 22°03'06.15E
    Ich möchte hier in Fortsetzungen eine Arbeit aus meinen Erfahrungen mit euch teilen, die ich vor etlichen Jahren zusammentrug.
    Ich fange an mit

    1. Eine schier unglaubliche Geschichte
    Anfangs der 80-iger Jahre, ich war eben als Letztgekommener von einer amerikanischen Firma wegstrukturiert worden, rief mich ein Studienkollege in der Motor-Columbus an. Ich sollte mich mit einem gewissen Herrn Seyfert bei der BBC (damals noch Brown Boweri Co) in Verbindung setzen, die suchten jemanden mit genau den Erfahrungen und Kenntnissen die ich mitbringe.

    Ich liess mich nicht zweimal bitten, ein Interview wurde vereinbart und auch eingehalten. Wir wurden uns bald einig. Ich sollte in deren Abteilung für die Entwicklung komputergestützter Netzleitsysteme mitwirken. Die Form der Mitarbeit sollte die eines externen Beraters sein. Herr Seyfert übergab mich seinem Assistenten. Zusammen gingen wir nun in die Einkaufsabteilung zum Spezialist für den Einkauf von Dienstleistungen. Ein Jahresvertrag wurde aufgesetzt. Es war an einem Mittwoch im Monate Juli, bis Ende Woche sollte ich den Vertrag zugestellt bekommen und am nächsten Montag die Mitarbeit beginnen.

    Frohen Herzens fuhr ich nach Hause und erwartete den versprochenen Vertrag.

    Donnerstag, Freitag und Samstag vergingen und immer noch kein Vertrag. Ich beschloss, nicht ohne Vertrag nach Baden zu fahren. Am Montag Morgen rief ich den Spezialisten an. Dieser erklärte mir mit weinerlicher Stimme, dass es nicht seine Gepflogenheit sei, Versprechen nicht einzuhalten, denn sonstens könnte er nicht arbeiten. Aber die Personalabteilung habe ihm die Angelegenheit aus den Händen genommen, er könne nichts mehr tun, ich sollte mich mit einem Herrn Dr. XXX (Personal-Abteilungsleiter) in Verbindung setzen. Ich rief zunächst diesen Herrn Dr. XXX an, welcher mir erklärte, die Direktion hätte verfügt, dass Dienstleistungsverträge mit Einzelpersonen nicht mehr zulässig seien. Er machte mir ein reguläres Anstellungs-Angebot, dessen finanziellen Bedingungen mich überhaupt nicht zufrieden stellten. Auf die Frage, warum man mir dies nicht früher mitteilte, antwortete er: ″Sie wollte mir die Sache bei meiner Ankunft zum Arbeitsantritt erklären“(!). Glücklicherweise war ich nicht in diese Falle getreten.

    In der Folge versuchte ich Herrn Seyfert anzurufen, doch dieser war eben in Urlaub gefahren und sein Assistent auf Geschäftsreise. In meiner Frustration überredete ich Herrn Seyferts Sekretärin, mir seine Telefonnummer im Urlaub bekannt zu geben. Dieser fiel aus allen Wolken und bat mich, doch alles zu unternehmen, um doch noch die Mitarbeit antreten zu können. Ich erklärte jedoch, dass ich die Bedingungen der Personalabteilung nicht annehmen könne. Ich fand mich nun damit ab, dass wohl aus dieser Arbeit nichts würde.

    Was war geschehen? Was war schief gelaufen?

    Um dies zu verstehen muss man wissen, dass zu jener Zeit Komputerfachleute Mangelware waren und entsprechend der Nachfrage einen Preis hatten. Die BBC-Personalabteilung mit ihrem starren Lohnklassen-System war je länger, je weniger in der Lage, die von den Entwicklungsabteilungen geforderten Fachleute einzustellen. So sahen sich denn die Abteilungen gezwungen, die dringend benötigten Fachleute über den Einkauf von Dienstleistung einzustellen. Es ist klar, dass jede solche Einstellung über den Einkauf einer Ohrfeige ins Gesicht der Personalbteilung gleichkam, ein Hinweis auf deren Unfähigkeit, das geforderte Personal zu rekrutieren. Diesem ehrverletzenden Treiben konnten sie nicht länger tatenlos zusehen. So bewog deren Leitung die Generaldirektion zum Erlass obiger Verfügung und nutzten die günstige Gelegenheit der Abwesenheit der Herren Seyfert und seines Assistenten um mit diesem Fall ein Exempel zu statuieren.

    Eine Woche später erhielt ich den Anruf des Assistenten, der mir sein grosses Erstaunen und Enttäuschung zum Ausdruck brachte, mich nach seiner Rückkehr nicht in der Abteilung vorzufinden. Ich schilderte ihm die Geschehnisse. Schockiert versprach er mir eine Lösung zu suchen.

    Die Lösung bestand schliesslich darin, dass ich über eine Temporär-Firma in Baden zu denselben Bedingungen eingestellt wurde, wie mit BBC vereinbart. Mein Einwand, dass dies die BBC noch teurer zu stehen komme, wurde mit ″Das nehmen wir in Kauf″ beantwortet. Der Spezialist im Einkauf aber war von der Angelegenheit so mitgenommen, dass er kurze Zeit danach einen Herzanfall erlitt.

    Die Arbeit in dieser Abteilung gestaltete sich sehr interessant. Die Abteilung war zu 90% mit Ausländern besetzt, alle beigestellt von deutschen und schottischen Dienstleistungsfirmen. Der Projektleiter war ein Australier, die Umgangssprache in der Abteilung Englisch. Alles in allem ein sehr angenehmes und kollegiales Arbeitsklima.

    Anlässlich der finanziellen Anpassung nach dem abgelaufenen Jahr wurde der Vertrag mit der Temporär-Firma gekündigt und ich war von nun an direkt mit BBC im Dienstleistungsvertrag (!), der dann insgesamt vier Jahre bis zur Ablieferung des Projektes dauerte. Fast möchte man anfügen ″Und wenn sie nicht gestorben sind ..........................″. Aber es handelt sich ja nicht um ein Märchen, die Geschichte hat ja auch nicht mit "Es war einmal...." angefangen.

    Es wäre noch beizufügen, dass so ungefähr alle neun Monate eine Mutation in der Abteilungsleitung erfolgte. Warum und wieso diese Periodizität weiss ich nicht. Vermutlich gehört das ins Thema weiter unten "Unregierbarkeit der BBC ".

    Wer in einer Firma auf einem gewissen hierarchischen Niveau mitarbeitet, erhält Einsichten in das Innenleben dieser Firma. Die Mitarbeit im Dienstleistungsvertrag gewährt Einsichten aus einem noch etwas anderen Blickwinkel.

    Die BBC war damals wie viele andere Unternehmen, abteilungsweise in Profitzentren organisiert. Diese an und für sich sinnvolle Organisation war aber nicht genügend konsequent durchgeführt. So hatten die Abteilungsleiter zwar die Kompetenz, unkontrolliert Arbeitskräfte zu beschäftigen, nicht aber ohne Hindernisse Waren oder Leistungen einzukaufen. So geschah es z.B. dass dieselbe Entwicklung in BBC-Mannheim und in Baden erfolgten, denn die gleichartige Abteilung in Baden hatte nicht die Kompetenz, die bereits abgeschlossene Entwicklung von Mannheim zu kaufen. Die Folge war Verschwendung von Geld und Zeit auf Konzernebene.
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. 02. 2016
    ---------------------------------------------------------------
    Jetzt kostenlos registrieren und mitdiskutieren!
    Beat, 7. 02. 2016
    Last edited by Beat; at 7. 02. 2016
    #1
  2. Nebelhorn

    Nebelhorn

    Top Benutzer
    Registriert seit:
    28. 01. 2016
    Beiträge:
    207
    Zustimmungen:
    43
    Geschlecht:
    männlich
    Deine Frustration in Ehren - ich würde solche sehr persönlichen Erlebnisse, die direkte Rückschlüsse ermöglichen, nicht in ein Forum stellen. Aber - das ist schliesslich Deine persönliche Entscheidung, die ich hier nicht zu kritisieren habe.
    Die Arbeitswelt hat sich tatsächlich dramatisch verändert und das nicht zum Vorteil der Arbeitnehmer. Ausnahmen bestätigen die Regel. Mir wurde vor langer Zeit noch der rote Teppich ausgebreitet, als ich mich auf ein Stellenangebot in der Schweiz meldete. Flugbillett zum Vorstellungsgespräch von der Firma bezahlt, Gespräch mit der Geschäftsleitung und Firmenrundgang sogar nach Feierabend, anschliessend sofortiges Vertragsangebot nach kurzem Interview mit sehr guten Anstellungsbedingungen und zum Ausklang ein Essen mit der Geschäftsleitung (und meiner Gattin) in einem Nobelrestaurant.
    Das waren noch Zeiten - könnte man sich wehmütig erinnern. Aber damals waren noch Patrons in den Führungspositionen, denen es um das Wohlergehen ihrer Unternehmen und deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ging und nicht nur darum, völlig überrissene Bonusleistungen ohne entsprechende Gegenleistung abzusahnen. Heute bin ich zum Glück nicht mehr auf die Akzeptanz eines Personalchefs angewiesen.
    Viele der heutigen Manager sind ganz einfach Kriminelle, die ihre Firmen nicht mit Schweissbrenner und Brecheisen ausplündern sondern durch die Hintertür mit geradezu perversen Gehältern und Bonusbezügen. Diese Kerle agieren nach dem Prinzip eines Helikopters: Mit grossem Getöse einschweben, viel Staub aufwirbeln und mit Krach wieder verschwinden.
     
    ---------------------------------------------------------------
    Jetzt kostenlos registrieren und mitdiskutieren!
  3. Beat

    Beat Parteilos

    Top Benutzer
    Registriert seit:
    13. 10. 2005
    Beiträge:
    5.942
    Zustimmungen:
    203
    Ort:
    34°11'51.58S, 22°03'06.15E
    @Nebelhorn
    danke für Deinen Beitrag. Keine Angst, mir kann niemand mehr etwas anhaben, bin wie Du nicht mehr von diesen Majestäten abhängig.
    Ja ja, die gute alte Zeit. Hab auch so Müsterchen erlebt. Sie kommt in einem späteren Kapitel "La belle epoque" auch noch zur Sprache.
     
    ---------------------------------------------------------------
    Jetzt kostenlos registrieren und mitdiskutieren!
  4. Beat

    Beat Parteilos

    Top Benutzer
    Registriert seit:
    13. 10. 2005
    Beiträge:
    5.942
    Zustimmungen:
    203
    Ort:
    34°11'51.58S, 22°03'06.15E
    Fortsetzung

    2. Human resources management

    Sie kennen doch das Wunsch-Anforderungsprofil des durchschnittlichen Personalrekrutierers für den Kandidaten jedweglicher Sparte: Vertiefte, langjährige Ausbildung, zehn bis zwanzig Jahre Berufserfahrung, Alter nicht über 21(!).

    Den Rest dieses und nächstes Kapitels "3. Vom Bahnhofvorstand zum Personalchef" hab ich bereits im Thread "Ewiges Wachstum?" #78 gepostet. Da könnt ihr ihn nachlesen:
    http://www.politik-forum.ch/threads/ewiges-wachstum.7347/page-12#post-320055

    Fortsetzung folgt.
     
    ---------------------------------------------------------------
    Jetzt kostenlos registrieren und mitdiskutieren!
  5. tapir

    tapir Parteilos

    Top Benutzer
    Registriert seit:
    6. 01. 2006
    Beiträge:
    2.296
    Zustimmungen:
    71
    Geschlecht:
    männlich
    Ort:
    Zürich
    @Beat Eine schöne Geschichte. Und gut aufbereitet dazu.

    Es drängt sich die Frage auf: Sind die CH-Unternehmen in solchen Fragen mittlerweile besser geworden? Ich finde, einige bestimmt. Andere vielleicht ein wenig, wenn überhaupt...
     
    ---------------------------------------------------------------
    Jetzt kostenlos registrieren und mitdiskutieren!
  6. Nebelhorn

    Nebelhorn

    Top Benutzer
    Registriert seit:
    28. 01. 2016
    Beiträge:
    207
    Zustimmungen:
    43
    Geschlecht:
    männlich
    Ja, dieses "Anforderungsprofil" ist bereits sprichwörtlich. Auch bei der heutigen Personalselektion will man gerne den Fünfer und das Weggli haben. Und da muss so mancher "personal resources" - Klugscheisser plötzlich betreten erkennen, dass das nicht funktioniert, ja nach gesundem Menschenverstand nicht funktionieren kann.
    Interviews und Anforderungsprofile bei Vorstellungsgesprächen für einfache Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
    vermitteln manchmal den Eindruck, es werde ein Kandidat für eine Marsmission gesucht. Diese Methoden führen dann zwangsläufig dazu, dass falsche Kandidaten am falschen Ort oder Objekt eingesetzt werden. Die Ergebnisse solcher Personalpolitik sind immer wieder schmerzlich zu spüren: Sehr vieles, was früher problemlos und gut funktionierte, endet heute mit einer organisatorischen Bruchlandung.
     
    ---------------------------------------------------------------
    Jetzt kostenlos registrieren und mitdiskutieren!
  7. Beat

    Beat Parteilos

    Top Benutzer
    Registriert seit:
    13. 10. 2005
    Beiträge:
    5.942
    Zustimmungen:
    203
    Ort:
    34°11'51.58S, 22°03'06.15E
    Ja, es ist eben einfacher, nach einem zahlenmässigen Kriterium zu entscheidern. Das kann jeder Primarschüler (Mengenlehre, x kleiner y). Für die Beurteilung der beruflichen Qualifikation brauchts schon etwas mehr. Das Alter ist aus jedem CV ersichtlich, nächstens wird man auch noch die Schuhgrösse angeben müssen, um den gehobenen Rekrutierern ein weiteres, massgebliches Zahlenkriterium in die Hand zu geben.
    ;)
     
    ---------------------------------------------------------------
    Jetzt kostenlos registrieren und mitdiskutieren!
    Beat, 9. 02. 2016
    Last edited by Beat; at 9. 02. 2016
    #7

Diese Seite empfehlen